Entstehung
 
Ein Spiel entsteht. Aber wie? Eine kleine Geschichte zur Entwicklung von »Verräter«.
Weiter unten folgt ein Bericht über die Entwicklung des Titelbilds.
 
Die totale Verräter-Story
 
Prototypkarte  
Prototypkarte 1998
Frühling 1997

»Ein Spiel im Heft wäre doch schön«, sagt Matthias.
Er hat Recht, aber ich keine Lust auf knödelige Spiel-im-Heft-Mühle-Verschnitte mit Steinchen setzen und Figuren schlagen. Außerdem braucht man da Extra-Material und das möchte ich den Lesern nicht zumuten.
»Wie wärs mit einem Kartenspiel?«, frage ich.
Matthias nickt, aber das tut er nur, weil er nicht weiß, dass das nichts werden kann mit dem Kartenspiel. Niemand kann ein Kartenspiel erfinden, das auf die Umschlagseite eines Din A4-Hefts passt.

 
Sommer 1997

Ich sitze am Küchentisch und denke mir ein Spiel mit 5 Karten aus. Sicherlich kann man auch 6 auf die Seite quetschen.
Ich probiere herum und kritzele darauf los. Da gibt es eine Karte mit 10, eine mit 5 und eine mit -10 Punkten. Eine Karte gibt es, die verdoppelt und eine, die die Werte umkehrt.
Ich rufe meine Eltern, meinen Bruder. Wir spielen.

 
Titelzeichnung  
Titelentwurf 1998
Der erste Spieler mischt die Karten und legt verdeckt eine in die Mitte. Die restlichen sieht er sich an und entscheidet sich für eine. Verdeckt legt er sie vor sich ab.
Zum Schluss wird aufgedeckt. Punktekarten zählen Punkte. Wenn die Dopplerkarte im Spiel ist, zählen alle Punkte doppelt. Wenn die Minuskarte drin ist, zählt die -10 10, die 10 -10 und die 5 -5. Logisch.
Wir spielen noch eine Runde.
Es funktioniert nicht.
 

August 1997

Lady Di ist tot und ich habe eine neue Spielidee.
Es ist keine richtige Idee, nur so ein Gedanke, aber wie wäre denn ein Spiel bei dem man ganz dynamisch - naja so und überhaupt: Wenn es eben mehrere Parteien gäbe und die gegeneinander spielten. Und dann kann man, ganz hinterhältig und gemein, zur gegnerischen Partei überwechseln.
Matthias nickt wieder. Die Idee mit dem Spiel im Heft ist längst gestorben. Aber das macht nichts, denn es gibt ja noch so viele Artikel über Fernsehen und Kultur und da ist ein Spiel vielleicht sowieso ganz überflüssig.

8.11.1997

In Essen habe ich mir zwei Packen dieser Din A12,6-Kärtchen besorgt. Alles was man daraufschreibt verwischt, aber die Ecken sind so schön rund wie man es nicht mal mit der Nagelschere hinbekommt.
Mir ist irgendwie eine Idee gekommen. Hastig beschrifte ich die Kärtchen. Es lohnt sich kaum, sich dabei Zeit zu lassen, denn die meisten Startprototypen landen sowieso im Altpapier.

Abends präsentiere ich meiner Familie einen Kreis aus 12 blassen Kugelschreiberlandschaften, einen Packen von 23 hingeschmierten Versorgungskarten und sonstiges Kleinzeugs wie Gutshöfe und Gesinnungskarten.
Es gibt eine Adler- und eine Rosenseite. Die Rosenseite ist rot, auf der Adlerseite steht »Blau« - mit schwarzem Kuli geschrieben.
Wir spielen.
Es funktioniert.
Ich bin erstaunt.

 
Prototypkarte  
Prototypkarte 1998
November 1997

Nach sieben Testrunden hat das Kind auch einen Namen: »Überläufer«. Aber das weiß ich nur in meinem Kopf, denn es gibt keine Schachtel oder so, wo das draufsteht oder man es feierlich draufschreiben könnte.
Dafür gibts jetzt aber Kontore. Damit man in der letzten Runde nicht einfach alle Karten abspielt.

Ich sitze am Computer und gestalte meinen Prototypen.
Mein Vater malt. Ich stehle eines seiner Aquarelle und nehme es als Vorlage für meine Landschaften. Der Adler erinnert mich unwillkürlich an Tucher Bier. Die Schrift auch.

 
Spielwarenmesse Nürnberg 1998

Ich wohne fünf Minuten von der Messe entfernt und mache einen kleinen Spaziergang.
Kosmos, Hans im Glück, Ravensburger. Alle sind da und präsentieren ihre Neuheiten.
Ich auch.
Bei Adlung-Spiele bleibe ich stehen. Ich zücke eine kleine Plastikschachtel und verschwinde mit Karsten Adlung im »Hinterzimmer«. Ich komme mir ganz schön konspirativ vor.

 
Titelzeichnung  
Am Bildschirm 1998
März 1998

In der Post ist ein Brief von Karsten Adlung. Zu dünn für eine Absage. Dünne, kleine, feine Umschläge: Als Spieleautor mag man die immer lieber. Es ist der Vertrag.

 
Juli 1998

Ich soll auch die »Verräter«-Grafik machen. »Überläufer« heißt das Teil nämlich nicht mehr. Ein Umlaut weniger. Daran kann nichts falsch sein.
Ich sehe mir noch einmal den Prototypen von der Messe an. Ziemlich unbrauchbar. Die Karteninfos sind viel zu verwirrend.
Ich beginne noch mal von vorn. Außerdem will ich keine Bilder von meinem Vater nehmen. Das ist ja doof, das wäre ja irgendwie geklaut.

 
Entstehung 4  
Karten der allerersten Version
August 1998

Ich leihe mir Bücher über Schafe aus. Es gibt keine wirklich guten Schafsbücher in der Bibliothek, aber wer liest sowas denn auch?

September 1998

Die Grafik ist fertig, die Regel ist fertig, ich bin fix und fertig. Komme was wolle. Es kommt sowieso.

 
Oktober 1998

Essener Spielemesse.
Raus, vorbei, gedruckt. Ich stehe am Stand und erkläre »Verräter«. Es macht Spaß. Nicht genug, um fünf Tage am Stück da zu stehen.

 
November 1998

»Schau mal, das Spiel hier, das ist das Spiel im Heft von damals«, sage ich.
Matthias sieht mich erstaunt an: »Das?«
Ich nicke.

 
Die totale Titelbild-Story
 
Das Titelbild ist die Visitenkarte eines Spiels. Ein gutes Titelbild regt nicht nur zum Kauf an, sondern sagt dem Käufer auch vorher, was ihn erwartet, wenn er sich auf den Schachtelinhalt einlässt.
 
Titelbild 1 Kontrast- und Kompositionsstudie

Frage: Wie kann eine Schachtel von winzigen 8,7 cm x 5,6 cm auffallen?

Antwort: Gar nicht!

Trotzreaktion: Ich bemühe mich um hohe Kontraste, spannungsreiche Komposition, große Farbflächen.

 
Titelbild 2 Computerumsetzung

Trotzreaktion: Beim Prototypen habe ich mir viel Mühe gegeben.

Frage: Warum dann nicht die Grafiken wiederverwenden?

Antwort: Weil die nicht mittelalterlich kommen. Mittelalterlich aber kommt gut.

 
Titelbild 3 Strichumsetzung des Hintergrundbildes

Frage: Ist die Schrift vom Stil her nicht vollkommen daneben?

Trotzreaktion: Aber das Hintergrundbild ist doch toll jetzt, das muss man doch zugeben.

Antwort: Ja, aber die Figur. Rennt die jetzt ins Bild oder aus dem Bild?

 
Titelbild 4 Überläuferversion

Antwort: Ok, mittelalterlicher Strich, klasse Schrift, Figur, die ins Bild läft.

Frage: Und jetzt?

Trotzreaktion: Wie wärs, wenn man zum Spaß einfach den Namen des Spiels änderte?

 
Titelbild 5 Großschriftige Verräterversion

Trotzreaktion: Wenn schon Verräter, dann aber richtig groß.

Antwort: Verräter, ja, aber das ist dann doch zu groß.

Frage: Geht die Schrift denn nicht kleiner?

 
Titelbild 6 Gedruckte Version

Antwort: Na wunderbar, toll und jetzt...

Trotzreaktion: Lassen wirs gut sein. Das ist jetzt fertig. Fertig!

Frage: Könnten wird das Spiel nicht Deserteur nennen?